Ex-Profi im Karriere-Interview
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Zum Jahresausklang blicken wir zurück auf einige unserer Interview-Highlights des Jahres 2025. Im Juli veröffentlichten wir den Artikel zu unserem Gespräch mit Ex-Profi Francisco Copado.
Francisco Copados Karriere war geprägt von Höhen und Tiefen, von Auf- und Abstiegen, vom Lebemann-Image und dem Titel des Torschützenkönigs in der 2. Bundesliga. Langeweile? Auf keinen Fall! Bei Transfermarkt blickt der inzwischen 51-Jährige auf seine bewegte Laufbahn zurück.
Kürzlich beendete Hermann Gerland seine langjährige Trainerkarriere. Es heißt, der gebürtige Bochumer hätte einer Vielzahl von Spielern auf ihrem Weg in den Profifußball auch mal die Ohren gewaschen und sie auf die richtige Fährte gebracht. Zu jenen Akteuren gehörte auch Copado, der sich lachend an die gemeinsame Zeit beim damaligen Zweitligisten Tennis Borussia Berlin erinnert.
„Hermann habe ich als sehr ehrlichen, gradlinigen und verständnisvollen Trainer kennengelernt. Für mich war er ein super Trainer. Er wollte, dass du dich auf dem Platz zerreißt, dem Erfolg alles unterordnest. Wenn du das gemacht hast, dann hat er dir auch viel Freiraum ermöglicht. Ich glaube, dass er durchaus, insbesondere, wenn es nicht so lief, über mich geflucht hat, aber ich konnte seine Sprüche nie verstehen, weil ich immer weit genug weg von der Trainerbank war“, erinnert sich Copado.
Aufgewachsen im hohen Kieler Norden, wechselte er mit 16 Jahren in den Nachwuchs des Hamburger SV. Bei den Rothosen durfte er aufgrund seines Talents frühzeitig mit den Profis trainieren und erlebte, was eine klare Hierarchie bedeutet. „Damals hast du dich als junger Spieler nicht getraut, irgendwelche Widerworte zu geben. Wenn die älteren Spieler gesagt haben, du musst die Tore oder Bälle schleppen oder die Schuhe putzen, dann hast du das gemacht. Aufgrund meiner damaligen Spielweise war ich jemand, der durchaus sportlich provozierte, indem ich den Gegenspieler getunnelt oder ihn mit einem Übersteiger stehen gelassen habe. Das ging so lange gut, bis ich die ein oder andere Grätsche als Dankeschön erhalten habe. Als ich einmal Uli Stein überlupfte, hat er mich über den ganzen Platz gescheucht. Ich weiß noch, dass ich bei meinem Bundesliga-Debüt Andreas Brehme als direkten Gegenspieler hatte, ihn habe ich mit einem Trick aussteigen lassen. In der nächsten Situation hat er mich böse von den Beinen geholt und gesagt, wenn ich ihn nochmal überspiele, gibt es noch mehr Schmerzen“, erinnert sich Copado lachend.
Copado beim HSV: Kommunikativer Möhlmann und distanzierter Magath
Doch wegen der harten Konkurrenz musste der Mittelstürmer mit Spielzeiten bei der Zweitvertretung vorliebnehmen. Rückblickend war diese Zeit eine härtere Schule als in der Profimannschaft, schließlich war sein damaliger Übungsleiter kein Geringerer als Felix Magath. „Bei den Profis war Benno Möhlmann mein Trainer. Benno war ein sehr kommunikativer Trainer. Ein Coach, der den Spielern direkt erklärt hat, warum er welche Trainingseinheit durchführt. Felix Magath war dagegen sehr distanziert, hat nicht viel geredet. Bei Felix wusstest du nicht, woran du bist. Es gab Partien, in denen habe ich doppelt getroffen und musste den nächsten Tag trotzdem ohne Ball trainieren. Ich erinnere mich auch an eine Situation, in der wir elf gegen elf gespielt haben. Nach 20 Minuten brach Felix das Training ab. Das eine Team durfte in die Kabine, hatte frei, die andere Gruppe hat anschließend noch zwei Stunden weiter trainiert. Es war in gewisser Weise schon Willensschulung. Und eine Sache musste man ihm lassen: Es gab keinen Spieler, der nicht fit war“, blickt Copado schmunzelnd zurück.
Weil die Chance, sich nachhaltig im Profikader des HSV zu etablieren, gering war, wechselte er in die Heimat seiner Eltern nach Spanien. Nach eineinhalb Jahren im Süden und dem Aufstieg mit dem RCD Mallorca in die Primera División folgte er Gerlands Lockruf aus Deutschland und schloss sich TeBe Berlin an, das damals große Ambitionen hatte und es mit Hertha BSC in der Hauptstadt aufnehmen wollte. „Die Vereinsverantwortlichen hatten klare und große Ziele, entsprechend wurde eingekauft. Es war ja ein offenes Geheimnis, dass die Spieler nur wegen der finanziellen Mittel gekommen sind. Die Strukturen waren teilweise nicht wirklich professionell. Beispielsweise haben wir uns im Vereinsheim umgezogen, sind dann aber mit Bussen zum Hertha-Gelände gefahren, wo Plätze angemietet waren“, erzählte der ehemalige Offensivspieler.
Es gab viele Gerüchte zur damaligen Zeit, manche waren davon auch wahr. Aber dass ich mich mit Ansgar geprügelt haben soll, war gelogen.
Bereits in der ersten Spielzeit konnte der Aufstieg in die 2. Liga auch dank starker Leistungen von Copado realisiert werden. In Berlin traf er mit Ansgar Brinkmann auf einen weiteren Freigeist. Sportlich gesehen eine Kombination, die sehr erfolgversprechend wirkte, sich aber ganz schnell zum Gegenteil entwickeln konnte. So soll es Spekulationen zufolge mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden gekommen sein.
„Es gab viele Gerüchte zur damaligen Zeit, manche waren davon auch wahr. Aber dass ich mich mit Ansgar geprügelt haben soll, war gelogen. Ganz ehrlich, wie sollte das funktionieren? Ich bin 1,71 Meter, Ansgar fast 1,90 Meter groß. Außerdem waren Ansgar und ich Freunde, wir haben und hatten das gleiche Denken, wenn es um Fußball ging. Was aber stimmte, war, dass es generell in unserem Training immer hitzig zuging und einige Spieler sehr viel Emotionalität reinbrachten. Fast in jedem zweiten Training gab es eine Rauferei. Es hatte etwas von der ‚Muppet Show‘ oder von einem Kinofilm. Die Zuschauer hätten sich gefreut. Was man aber auch erwähnen musste, waren der gute Zusammenhalt und die Gemeinschaft. Nach dem Training war alles wieder gut und wir sind fast als komplette Mannschaft noch weggegangen“, lässt der Deutsch-Spanier diese Episode Revue passieren.
93 Torbeteiligungen in 131 Spielen: Francisco Copado im Trikot der SpVgg Unterhaching
Eine schöne wie erfolgreiche Zeit erlebte Copado mit seinem anschließenden Schritt und dem Wechsel zur SpVgg Unterhaching. In 131 Partien erzielte 64 Tore und legte weitere 29 Treffer auf. Doch die Anfangszeit stand unter keinem guten Stern, denn Copado stand nach nur wenigen Monaten vor dem Aus. Der Offensivmann konnte zum einen weniger als Leistungsträger glänzen, zum anderen machte er vor allem abseits des Platzes als Diva und Partylöwe negativ von sich reden. Der Verein suspendierte ihn. In dieser Zeit musste er sich fernab des Unterhachinger Sportparks fit halten. Eine harte, aber auch lehrreiche Zeit. „Ich glaube, damals kam alles zusammen. Ich war verletzt, der Trainer setzte, vielleicht auch zurecht, nicht auf mich. Ich hatte es schwer, innerhalb der Mannschaft Fuß zu fassen. Zu der Zeit war ich zu sehr in meinem Ego behaftet, ich habe zu sehr nur auf mich geschaut, habe auch zu sehr angeeckt. Der damalige Ruf, der mir anhaftete, war natürlich nicht hilfreich. Irgendwann habe ich gemerkt: So kann es nicht weitergehen! Wenn ich mich nicht nachhaltig ändern würde, verbaue ich mir selbst den Weg. Dementsprechend habe ich angefangen, mich und mein Leben zu reflektieren.“
Der gebürtige Kieler wandelte sich durch die monatelange Suspendierung nicht nur sportlich, sondern auch als Mensch. Verantwortlich für diese Metamorphose war der damals neue Coach Wolfgang Frank, der seinem Künstler auf und neben dem Platz Freiheiten einräumte. Der bedankte sich mit überzeugenden Leistungen. Schon in der ersten Saison unter Frank führte er Unterhaching zurück ins Unterhaus, im darauffolgenden Jahr konnte er seine Leistungen sogar toppen und wurde Torschützenkönig in der 2. Liga. Ebenjene Zeit war allerdings auch mit sehr viel Druck und entsprechenden Erwartungshaltungen verbunden. „Ich wollte Verantwortung übernehmen und wollte auch als Leistungsträger vorangehen, aber irgendwann ist vieles auch übergeschwappt. Es hieß dann sehr häufig, dass die Spielvereinigung Copado kommt. Der Erfolg oder Misserfolg wurde nur an mir festgemacht. Dabei habe ich mich nie als den Star gesehen. Wenn es dann nicht lief, war ich häufig der Schuldige. Mit diesem Druck klarzukommen, musste ich auch lernen“, schildert der Ex-Profi.
Copado hat sich bei Eintracht Frankfurt „reingebissen“
Auf die Frage, ob der Spieler Copado heute funktionieren würde, hat er eine klare Antwort. „Nein, das würde nicht klappen“, sagt er lachend und erklärt: „Es hieß ja immer, der Copado ist ein Partylöwe, ein Partybiest. Ja, ich brauchte damals meine Freiheiten. Ich hatte einen bestimmten Lebensstil und der bestand auch daraus mal feiern zu gehen, vielleicht auch häufiger als andere Spieler. Aber ich war niemals der Spieler, der jeden Tag auf der Piste war, ich habe professionell gelebt und gearbeitet. Heutzutage werden die Jungs auch wegen Social Media viel gläserner. Als heutiger Profi kannst du dich in einer gewissen Form weniger frei verhalten“, stellt der gebürtige Kieler fest.
Bereits in der ersten Trainingswoche machte mir Friedhelm Funkel klar, dass er mich nicht geholt hätte.
Dank seines Erfolgs in Unterhaching konnte er sich seinen nächsten Klub quasi aussuchen – und wechselte 2005 zu Eintracht Frankfurt in die Bundesliga. Doch obwohl er wettbewerbsübergreifend neun Saisontore erzielte, war nach einer Spielzeit schon wieder Schluss am Main. „Ich bin damals mit großen Erwartungen nach Frankfurt gewechselt und hatte nicht umsonst für drei Jahre unterschrieben. Aber von Beginn an merkte ich, dass es ein schwieriges Jahr werden könnte. Bereits in der ersten Trainingswoche machte mir Friedhelm Funkel klar, dass er mich nicht geholt hätte. Da musste ich schlucken. Ich habe mich aber nicht hängenlassen und in die Mannschaft reingebissen. Ich muss aber auch ehrlich sagen: Wirkliches Vertrauen in meine Fähigkeiten und meine Person habe ich leider nie gespürt. Trotzdem fand ich das Jahr super, weil ich vor unfassbar tollen, leidenschaftlichen Fans spielen und viele neue Menschen kennenlernen durfte“.
Zum Ende seiner Karriere folgte für ihn noch ein besonderes Projekt. Die Fähigkeiten Copados waren Ralf Rangnick, Cheftrainer des ambitionierten Drittligisten TSG 1899 Hoffenheim, nicht entgangen. Copado wurde zum Führungsspieler im von größtenteils mit jungen Talenten gespickten Kader – mit dem ambitionierten Ziel, innerhalb weniger Jahre in der Bundesliga anzukommen. Dabei wollte der Offensivspieler zunächst gar nicht nach Hoffenheim. „Ralf Rangnick versuchte es mehrfach, mich von einem Wechsel zu überzeugen, ich lehnte aber immer wieder ab. Ralf blieb aber sehr hartnäckig. Irgendwann konnte er mich doch vom Projekt überzeugen. Ich bin ein Kind der Großstadt. Als ich das erste Mal in Hoffenheim ankam und feststellte, dass es wirklich nur ein Örtchen ist und ich nach fünf Minuten alles gesehen hatte, musste ich tatsächlich kurz durchpusten und dachte mir: Wie soll das werden?“, erzählt der 51-Jährige lachend und erinnert sich an die überraschende Professionalität seines Arbeitgebers.
„Man kann von der TSG halten, was man will, aber schon damals war der Verein sehr professionell aufgestellt. Die Infrastruktur war vom Feinsten, und es wurde viel im innovativen Bereich investiert. Mit Ralf Rangnick hatte sich der Verein den richtigen Trainer ausgesucht. Ralf hatte einen klaren und genauen Plan, welche Spielidee er uns vermitteln wollte. Auch die Mischung des Kaders war perfekt. Zwei Spieler, die mich beeindruckt haben, waren Carlos Eduardo und Sejad Salihovic. Carlos war ein begnadeter Fußballer, der viel Potenzial mitgebracht hat. An Sejad hat mir imponiert, dass ihn Rangnick eigentlich schon aussortiert hatte, er sich aber zurückkämpfte und unglaublich wichtig für die Mannschaft und den Verein wurde“, sagt Copado.
Francisco Copado lief 70-mal für die durchmarschierende TSG 1899 Hoffenheim auf. Nach einer kurzen Rückkehr zur SpVgg Unterhaching beendete er im Frühjahr 2009 seine Karriere
Die bis heute anhaltenden drastischen Unmutsbekundungen gegenüber der TSG Hoffenheim und Mäzen Dietmar Hopp kann Copado nicht nachvollziehen. „Frotzeleien kann ich in irgendeiner Weise noch verstehen, aber die Anfeindungen – beispielsweise das Fadenkreuz beim BVB-Spiel – sind ein absolutes No-Go. Da kann ich mir wirklich nur an den Kopf fassen. Man muss Dietmar Hopp nicht mögen, aber ihn so anzugehen, ist unglaublich. Jeder Verein wäre dankbar, wenn er so einen Unterstützer in seinen Reihen wüsste“, ist Copado überzeugt, der mit der TSG den Durchmarsch bis in die Bundesliga schaffte.
Heute blickt er mit gemischten Gefühlen auf seine Karriere. „Wenn man ehrlich ist, hätte ich mit meinem Talent und meinem Potenzial mehr aus meiner Karriere herausholen können. Aber ich habe das geschafft, wovon Tausende, wenn nicht sogar Millionen von Kindern und Jugendlichen geträumt haben oder immer noch träumen: einmal Fußballprofi zu werden. Deshalb überwiegt die Freude über das Erreichte mehr als über das, was ich nicht erreicht habe.“
Von Henrik Stadnischenko
Preuzeto uz navođenje izvora: www.transfermarkt.de



