TSG-Leihe über Aufstieg & Zukunft
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Torhüter Nahuel Noll steht mit Hannover 96 im Aufstiegsrennen der 2. Bundesliga vor richtungsweisenden Wochen und einem wichtigen Abschnitt seiner jungen Karriere. Im Transfermarkt-Interview spricht der reflektierte Profi und stabile Rückhalt der Niedersachsen über seine persönliche Entwicklung im System von Trainer Christian Titz, seinen Umgang mit Druck und Kritik sowie das persönliche Ziel Bundesliga. Die Leihgabe der TSG 1899 Hoffenheim äußert sich auch zur schwierigen Perspektive im Kraichgau, der noch offenen Zukunft ab Sommer sowie zu einem möglichen Verbleib am Maschsee.
Transfermarkt: Nimm uns zu Beginn einmal mit: Wie ist die Stimmung im Team nach dem Erfolg gegen Eintracht Braunschweig und wie hast Du persönlich das Niedersachsenderby erlebt?
Nahuel Noll: Ganz gut. (lacht) Freitagabend mit dieser Atmosphäre und diesen Fans im Rücken, eine engagierte Leistung von uns und dann auch noch zu Null gespielt – so ein Sieg fühlt sich natürlich immer gut an. Auch die Choreo, das war schon beeindruckend und hat dieses Erlebnis nochmal gesteigert.
Transfermarkt: Das vergangene Wochenende stand bei 96 im Zeichen zweier emotional unterschiedlich ausgeprägter Ereignisse – erst der Derby-Sieg am Freitag, am Sonntag das überraschende Aus von Geschäftsführer Jörg Schmadtke. Wie ist Letzteres bei euch im Team aufgenommen worden?
Noll: Wir wurden im Rahmen dieses Vorgangs über alles informiert. Natürlich war das auch kurz Thema innerhalb der Mannschaft, aber am Ende des Tages sind wir dafür zuständig, was auf dem Platz passiert. Deswegen machen wir auch genau da weiter. Für die Aufgaben abseits des Rasens, die nun geklärt werden müssen, sind andere zuständig.
Transfermarkt: Hannover 96 ist ein Traditionsklub mit seit jeher hochemotionalem Umfeld. Wie hast Du den Verein insbesondere in den Anfangsmonaten nach Deinem Wechsel wahrgenommen?
Noll: Es ging im vergangenen Sommer im Zuge des Wechsels ja alles sehr schnell. Ich hatte eine kürzere Vorbereitungszeit, weil ich erst nach der U21-Europameisterschaft zum Team gestoßen bin. Ich habe mich im Klub aber sehr schnell eingefunden und wohlgefühlt. Dazu trug sicher auch bei, dass wir sportlich einen super Start hingelegt haben. Die Heimniederlage gegen Hertha war dann ein erster kleiner Dämpfer. Den haben wir aber gut verarbeiten können und schnell auch mithilfe der Unterstützung unserer Fans danach wieder gewonnen. Die letzten Wochen laufen in meinen Augen ergebnistechnisch gut, wir sind oben dran. Insgesamt fühle ich mich im Verein wirklich gut angekommen und sehr wohl bei 96. Hannover ist ein cooler und emotionaler Verein.
Transfermarkt: Was ist bei 96 anders als beispielsweise in Hoffenheim oder Fürth?
Noll: Aus meiner Jugendzeit in München bei 1860 kenne ich natürlich das besondere Umfeld eines Traditionsvereins, der – wie auch hier – von großen Teilen der Stadt bedingungslos unterstützt wird. In Hoffenheim geht es aufgrund des ländlicheren Umfelds sicherlich etwas ruhiger zu. Die TSG ist ein sehr aufgeschlossener Verein, der seinen Spielern infrastrukturell alle Möglichkeiten bietet, um sich bestmöglich weiterzuentwickeln. Ich konnte dort meine ersten Schritte im Profibereich machen, wenn auch erstmal nur im Training. Fürth ist vielleicht nicht der größte Verein der 2. Liga, hat aber trotzdem eine solide Fanbase. Hannover ist allein aufgrund der Größe nochmal eine Steigerung zu dem, was ich bislang kannte – mit dem Stadion, den Fans, dem medialen Fokus. Letzteres kann natürlich Fluch und Segen zugleich sein. (lacht) Aber generell ist es für mich immer wieder etwas Besonderes, hier einzulaufen. Die Stimmung und die Choreos, die hier gemacht werden, sind schon beeindruckend.
96-Torwart Noll: „Man muss sich den Fans erst einmal beweisen“
Transfermarkt: Du bist im Sommer in eine Mannschaft gekommen, die wahrscheinlich seit dem Zweitligaabstieg Mitte der 90er den größten Umbruch der Vereinshistorie vollzogen hat. Wie hast Du speziell diese Anfangszeit empfunden?
Noll: Ich glaube, dass es mir die Anfangszeit sogar erleichtert hat. Eben, weil man nicht in feste Strukturen hineingekommen ist, sondern von Beginn an Teil einer Gruppe war, die sich neu finden musste. Alle mussten sich ja erst einmal kennenlernen und wir hatten – und haben nach wie vor – als Gruppe einen sehr offenen, kommunikativen und guten Umgang miteinander. Auf der anderen Seite wusste man zu dem Zeitpunkt im letzten Sommer natürlich auch nicht, wo es hingehen würde. Natürlich bestand das Risiko, dass dieses Gefüge gar nicht entsteht oder man sich als Einzelperson darin nicht zurechtfindet. Aber in meinen Augen hat das alles sehr gut geklappt.
Transfermarkt: Ihr habt euch als Kollektiv auch sportlich schnell gefunden. Gab es in Deinen Augen einen besonderen Moment, ein besonderes Spiel, in dem Du gemerkt hast: Jetzt hat es „Klick“ gemacht?
Noll: Schon in den ersten drei Spielen sind wir sehr dominant aufgetreten und haben den jeweiligen Gegner eigentlich gar nicht zur Entfaltung kommen lassen. In Kiel hat uns Holstein dann das erste Mal in dieser Saison vor eine andere Herausforderung gestellt, denn dort lagen wir erstmals lange hinten und haben das Spiel dann aufgrund der Überzeugung und dem Glauben in die eigenen Qualitäten noch umgebogen. In dem Moment habe ich das erste Mal für mich gedacht: Mit dieser Mannschaft geht echt was.
Nahuel Noll hütet 2025/26 per Leihe das Tor für Hannover 96
Transfermarkt: Du hattest persönlich in Hannover anfangs gar nicht so einen leichten Stand, es gab viele Vergleiche mit Ron-Robert Zieler und schnell Kritik bei kleineren Fehlern. Wie hast Du das empfunden?
Noll: Wenn man als junger Torwart in einen Verein kommt, um dort die Nachfolge eines langjährigen Stammkeepers, wie in diesem Fall Ron-Robert, anzutreten, dann ist das erst einmal normal. Die Fans haben deinem Vorgänger jahrelang vertraut, man hat gemeinsam Erfolge gefeiert oder auch Tiefen gemeistert. So etwas bleibt natürlich im Kopf. Stichwort große Fußstapfen: Man muss sich den Fans erst einmal beweisen, das gehört eben dazu. Und natürlich wurde auch meine persönliche Leistung mit den Höhen und Tiefen der Mannschaft positiv wie auch mal negativ bewertet. Ich versuche, in solchen Situationen den Fokus zu halten und weiter meine Leistung zu bringen.
Transfermarkt: Du bist ein reflektierter und selbstbewusster Mensch, der sich auch in unangenehmen Situationen nicht versteckt. Woher rührt diese Eigenschaft und wie gehst Du generell mit Kritik um?
Noll: Ich bin mir einfach der generellen Mechanismen bewusst. Positive Aufmerksamkeit kann sich im Fußball sehr schnell ins Negative drehen und umgekehrt. Negative Kommentare oder Kritik von außerhalb des Klubs lasse ich daher ehrlicherweise nicht so weit an mich heran, dass sie mich beeinflussen würden.
Noll über riskantes Passspiel: Eröffnung unter Titz noch stärker gefragt
Transfermarkt: In unserem letzten Gespräch nanntest Du auf die Frage nach Entwicklungspotenzialen insbesondere den Impact durch Deine Spieleröffnung. Dein Spiel mit dem Fuß ist in dieser Saison sehr ausgeprägt. Inwiefern kommt Dir der Titz-Fußball dahingehend zugute?
Noll: In unserem aktuellen Spielsystem ist meine Eröffnung noch einmal stärker gefragt. Natürlich werde ich auch an Paraden gemessen und das ist ebenfalls etwas, was ich der Mannschaft geben will. Aber aufgrund unserer Spielweise kann ich diesen damals angesprochenen Impact jetzt tatsächlich noch stärker haben. Das liegt vor allem an unserem Trainer, der das auch von mir erwartet und mir im Rahmen des Systems viele Freiheiten gibt, um mich auszuleben. Dank ihm habe ich mich in diesem Aspekt noch einmal weiterentwickelt.
Transfermarkt: Du gehst mit Deinem Passspiel im und um den eigenen Sechzehner oft bewusst ins Risiko und kannst damit spielentscheidende Momente einleiten, im negativen Fall aber auch einfache Gegentore provozieren. Wie laufen speziell in diesen Situationen die Entscheidungsprozesse bei Dir ab? Wann wird der kurze Pass oder der Chip gespielt, wann geht der Ball lang oder Richtung Tribüne?
Noll: Wir haben im Spielaufbau natürlich gewisse Muster, die man erkennen und auf dieser Basis in jeder Situation das entsprechende Risiko abwägen muss. Am Ende des Tages tut es der Mannschaft am meisten weh, wenn wir einen vermeidbaren Fehler machen und dadurch ein Gegentor fangen. Das kannst Du nie gegenrechnen mit einem eigenen Tor, welches Deine Aktion eventuell einleiten könnte. Also Prio 1 ist es, kein einfaches Gegentor zu provozieren. Trotzdem wollen wir gewisse Risiken eingehen, um den Gegner rauszuziehen und dadurch Räume zu gewinnen. Wenn ich situativ erkenne, dass der Gegner zu hoch steht oder die Räume zwischen Innenverteidigern und Sechsern groß sind, dann kann da auch mal ein Ball reingechippt werden. Wenn es doch mal zu eng wird, dann geht der Ball im Zweifel Richtung Tribüne und wir können uns anschließend neu ordnen. Das muss man als Torwart binnen Sekunden abwägen. Aber je mehr ich spiele, desto leichter fällt mir die Entscheidungsfindung.
Stark am Fuß: Nahuel Noll geht in der Spieleröffnung bewusst auch Risiken ein
Transfermarkt: Besonders in den letzten Wochen wirkst Du sehr stabil und strahlst viel Selbstbewusstsein aus. Gibt es besondere Gründe dafür und was hast Du in deinem Spiel zuletzt konkret verbessert?
Noll: Zunächst einmal würde ich sagen, das ist mannschaftsbedingt, weil wir insgesamt sehr gefestigt auftreten. Natürlich hat man als Torwart aber auch immer den Anspruch, Stabilisator für das Team zu sein. Ich habe mir persönlich in der Winterpause die Zeit genommen, um mein Spiel zu reflektieren und so in gewissen Dingen und Abläufen für mich auch noch einmal klarer zu werden. Aber am Ende des Tages ist alles eine Welle im Leben – auf jedes Hoch folgt ein Tief und umgekehrt. Ich versuche einfach, in jedem Spiel mein Bestes zu geben, und dann passieren so Sachen. (lacht)
Noll über Perspektive in Hoffenheim: „Situation nicht verändert“
Transfermarkt: Du sagtest in unserem Gespräch vor einem Jahr, die Bundesliga sei Dein Ziel, „aber ich weiß auch, dass ich noch einiges lernen kann“. Würdest Du sagen, Du bist Deinem Ziel durch die Entwicklung in den vergangenen zwölf Monaten noch einmal näher gekommen?
Noll: Ich glaube, dass man als Torwart zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein muss, damit sich gewisse Chancen auftun. Es gibt ja viele Karrieren, die so angefangen haben. Ich glaube, dass ich die Wahrscheinlichkeit, das Ziel Bundesliga irgendwann zu erreichen, immer weiter erhöhen werde, solange ich im Spielrhythmus bin.
Transfermarkt: Kannst Du Dir speziell vor diesem Hintergrund ein weiteres Jahr in der 2. Liga vorstellen oder würdest Du bei entsprechender Gelegenheit kurzfristig den nächsten Schritt gehen, auch wenn er möglicherweise mit weniger Spielzeit verbunden wäre?
Noll: Dass ich den Schritt irgendwann gehen möchte, ist keine Frage. Jeder Fußballprofi will sich ja irgendwann auf dem höchsten Niveau beweisen. Wenn es sich ergibt, dann ergibt es sich. Aber 2. Liga zu spielen ist auch schon echt gut.
Transfermarkt: Dein Vertrag im Kraichgau läuft bis 2028. Wie siehst Du Deine Perspektive in Hoffenheim?
Noll: Natürlich ist man im Austausch, aber momentan haben alle Seiten auch erst einmal andere Themen, wenn es in die finale Saisonphase geht. Der Moment für konkretere Gespräche wird dann irgendwann kommen. Grundsätzlich hat sich die Situation in Hoffenheim aber ja nicht verändert, dadurch dass Oli (Anm. d. Red.: Nationalkeeper OIiver Baumann) einen neuen Vertrag bis 2028 unterschrieben hat. Ich möchte nach wie vor regelmäßig spielen.
Transfermarkt: Ein Umfeld, in dem Du Spielzeit erhältst, ein Verein und ein Trainer, die Dir Vertrauen schenken, und Fans, die Dein Potenzial und Deine Qualitäten mittlerweile zu schätzen wissen – wäre ein weiteres Jahr in Hannover, ob fest oder per Leihe, für Dich ein denkbarer und sinnvoller Schritt?
Noll: Denkbar ist es auf jeden Fall. Mehrere Parteien haben aber ja Einfluss darauf, wie es weitergeht. Da gibt es auch noch die Interessen von Hoffenheim. Am Ende des Tages bleibt der Fußball ein Geschäft, in dem es um viele Faktoren geht, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Ich denke, man muss zu gegebenem Zeitpunkt miteinander reden und dann eine Lösung finden, die für alle Seiten passt. So weit sind wir gerade noch nicht. Deswegen liegt mein Fokus voll auf den anstehenden Spielen.
Hannovers Torwart Nahuel Noll blickt vorfreudig auf das Saisonfinale
Transfermarkt: Wie gehst du damit um, dass mitten im Aufstiegsrennen auch deine eigene Zukunft noch offen ist? Beschäftigt Dich das manchmal, blendest Du das aus oder motiviert es vielleicht nochmal extra?
Noll: Nein, das hat auf mich in der aktuellen Situation absolut keinen Einfluss. Dass das vielleicht Thema ist und darüber geschrieben oder diskutiert wird, kann man ja nicht unterbinden. Aber das blende ich aus und es beschäftigt mich nicht. Wir haben jetzt drei sehr wichtige Spiele vor der Brust, darauf liegt meine volle Konzentration.
Transfermarkt: Wie empfindest Du dieses wahnsinnig enge Aufstiegsrennen in der 2. Bundesliga? Gibt es Mannschaften aus den Top-5, die Du als größten Konkurrenten ansiehst?
Noll: Aufgrund der engen Konstellation und nur drei Punkten Abstand zwischen Platz 1 und 5 kann und sollte man keine Mannschaft als Favoriten herausstellen. Am Ende werden in meinen Augen die Teams das Rennen machen, die aus den noch ausstehenden direkten Duellen die meisten Punkte mitnehmen. Es wird jetzt Schlag auf Schlag gehen, alle wollen punkten und das ist das Geile an dieser engen Konstellation.
Transfermarkt: Elversberg, Darmstadt, Paderborn: In den nächsten drei Wochen entscheidet sich für 96 der Aufstieg. Gehst Du da mit?
Noll: Nein. Natürlich ist klar, dass es Sechs-Punkte-Spiele sind und es enttäuschend wäre, falls wir aus den drei Spielen keinen Zähler holen. Aber man weiß: In der Liga kann alles passieren und wir haben auch danach noch vier Spiele, die mindestens genauso wichtig sind.
Noll über Aufstiegsfinale mit 96: „Überzeugt von unseren Qualitäten“
Transfermarkt: Kann es zu einem Vorteil werden, dass Ihr die direkten Duelle jetzt schon habt und einige Konkurrenten erst am Saisonende aufeinandertreffen?
Noll: Ich bezweifle es. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass jeder jeden schlagen kann und ein Team aus dem oberen Drittel jederzeit gegen eine Mannschaft aus dem unteren Tabellenbereich stolpern kann. Wer am fokussiertesten bleibt, wird am Ende die besten Karten haben.
Transfermarkt: Wie allgegenwärtig ist das Thema Aufstieg? Und spürst Du eher Vorfreude oder Druck?
Noll: Druck hat man immer. Trotzdem sind wir eine Mannschaft, die sich immer freut, Fußball zu spielen. Deswegen überwiegt das auch mit Blick auf die anstehenden Aufgaben. Wir sind überzeugt von unseren Qualitäten.
Transfermarkt: Kommen manchmal Gedanken mit Blick auf eine mögliche Relegation auf?
Noll: Das ist weit weg und dementsprechend auch kein Thema. Sollte es so kommen, werden wir die Situation aber annehmen.
Transfermarkt: Würdest Du Dir eigentlich zutrauen, Elfmeter nicht nur zu halten, sondern auch zu schießen?
Noll: Der letzte Elfmeter, den ich geschossen habe, war vermutlich bei einem U15-Turnier. Ich bin Torwart und da habe ich nach wie vor volles Vertrauen in meine Mitspieler – die machen das besser als ich.
Transfermarkt: Was wünschst Du Dir für die kommenden Wochen?
Noll: So erfolgreich wie möglich zu sein – da ist alles eingeschlossen. Wir sind auf alles gefasst und freuen uns auf das Saisonfinale.
Interview: Thomas Deterding
Preuzeto uz navođenje izvora: www.transfermarkt.de


